Finanzdenken Eichhoernchen nuts

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Beim Sortieren alter Bankunterlagen sind mir 2 Depotauszüge aus den Jahren 2010 und 2011 in die Hände gefallen. Meine Eltern haben mir 2009 bei unserer Hausbank (Volksbank) ein Depot eröffnet und Anteile eines Zertifikats gekauft. Grundsätzlich eine gute Sache mit dem Schritt aufs Börsenparkett, dachte ich mir beim ersten Blick. Vorab muss ich sagen, dass ich seit 2015 nicht mehr bei der Volksbank bin und alles verkauft, gekündigt und geschlossen habe. Ich wechselte zur comdirect* und fing mit meinen Finanzen ganz von vorne und vor allem eigenständig neu an. Leider habe ich erst 2015 / 2016 gemerkt, dass ich überhaupt keine Ahnung von Finanzen etc. habe und habe mir daher eigenständig einen Investitionsleitfaden erarbeitet.

Als ich die Depotauszüge in den Händen hielt, wollte ich allerdings wissen, was aus dem Geld heute theoretisch geworden wäre. Es sind schließlich knapp 12 Jahren vergangen und da wäre bestimmt eine ordentliche Summe herausgekommen. Wie im Titel bereits angekündigt: Pustekuchen.

In meiner Familie wurde nie über Finanzen geredet und auf dem Land ist es so üblich gewesen, seine Finanzen dem Bankberater anzuvertrauen. Wenn man selber keine Ahnung hat, ist man nun mal auf Hilfe angewiesen. Leider wird die Unwissenheit sehr oft ausgenutzt und das zum Nachteil des Kunden. Und genau das ist der große Fehler, den viele machen. Die Verantwortung abgeben und gutgläubig sein und das bei einer Sache wofür man 1/3 des Tage sowie 40 Jahre lang arbeitet. Einige aus meinem Bekanntenkreis verlassen sich bei ihren Finanzen auf den Bankberater und investieren das Geld in deren Produkte. Ich bin froh, dass ich einigen bereits helfen konnte, die Finanzsituation in die eigenen Hände zu nehmen. Der erste Schritt war hierbei leider immer wieder der Verkauf der angepriesenen Produkte der jeweiligen Bank.

Haben Bankberater zurecht einen schlechten Ruf?

Egal wen ich frage: Jeder hatte definitiv schon mal schlechte Erfahrungen mit einem Versicherungsverkäufer und im zweiten Atemzug wird der Bankberater genannt. Ich persönlich kann ebenfalls beide Erfahrungen teilen und bestätigen. Mein Geld sollte immer auf dem Tagesgeldkonto oder dem Sparbuch liegen bleiben. Als ich anfing Geld zu verdienen, wurden mir Fonds aus dem eigenen Haus vorgestellt, in die ich investieren sollte.

Es wird immer mit hohen Prozentsätzen und den tollen Chancen geworben, aber die Risiken und vor allem die Kosten werden nie thematisiert. Selbst Bausparverträge werden einem angedreht mit Summen von 20.000€ oder 30.000€. Da frage ich mich, wozu die geringen Summen überhaupt gut sein sollen. Definitiv tun sein der Provision des Verkäufers sowie der Liquidität des Hauses gut. Es gibt in jeder Branche schwarze Schafe, aber hier scheinen sie relativ häufig vorzukommen.

Das Anlageprodukt

Verkaufen wir an die unwissenden Menschen doch mal ein Express-Zertifikat

Was ist bitte ein Express-Zertifikat? Ich musste es selber recherchieren und bin tatsächlich entsetzt, wie man so ein Produkt an unwissende Kunden verkaufen kann. Tatsächlich hat ein Express-Zertifikat ein wenig Ähnlichkeit mit dem Optionshandel. Die BNP Paribas Bank hat hierfür eine gute Beschreibung:

„Kapitalanleger sehnen sich naturgemäß nach steigenden Kursen, möglichst kontinuierlich und ohne Unterbrechung. Die Realität sieht jedoch anders aus. Kapitalmärkte benötigen hin und wieder eine Verschnaufpause, um dann gegebenenfalls mit frischem Schwung neue Höhen zu erklimmen. Express-Zertifikate sind genau für dieses Szenario konstruiert. Mit ihnen kann der Anleger eine positive Rendite erwirtschaften, auch wenn der Basiswert auf der Stelle tritt und sich in einer Seitwärtsbewegung befindet. Selbst wenn der Basiswert bis zum Laufzeitende Kursverluste erlitten haben sollte, kann die Anlage in ein Express-Zertifikat noch mit einer positiven Rendite enden. Berührt oder unterschreitet jedoch der maßgebliche Kurs des Basiswertes die Barriere, so drohen Verluste.

Mit Express-Zertifikaten kann der Anleger für jedes Jahr der Laufzeit einen oder mehrere Zinsbeträge erhalten. Die Basiswerte können Aktien, Aktienindizes, Rohstoffe oder Währungen sein. Die Laufzeit von Express-Zertifikaten beträgt in der Regel mindestens drei bis vier Jahre. Allerdings kann die Laufzeit noch vor dem bei Emission festgelegten Rückzahlungstermin enden, sofern die Bedingungen für eine automatische vorzeitige Rückzahlung erfüllt sind.“ (Quelle)

Ähnlich wie beim Optionshandel gibt es also einen Basiswert und einen Strike. Bei sinkenden Kursen und dem Erreichen des Strikes besteht nur keine Verpflichtung zum Kauf oder Verkauf, sondern ab hier werden Verluste wahrgenommen. Bei steigendem Kurs, welcher an definierten Stichtagen über dem Beobachtungskurs liegen sollte, wird das Zertifikat vorzeitig zurückgezahlt und das Investment ist beendet. Der Anleger erhält den Nominalwert zuzüglich festgelegten Zinsbetrag.

Unterschied zum Optionshandel

In meiner kostenfreien Beitragsserie zum Optionshandel habe ich in Teil 1 schon einige Unterschiede dargestellt. Hier noch mal die wichtigsten in Kürze:

  • Optionsscheine oder Zertifikate sind Produkte von Banken (Emittent). Es besteht also ein Emittentenrisiko, denn Banken können Pleite gehen und damit verschwindet auch das eingesetzte Geld.
  • Die Emittenten sind stets auf der Verkäuferseite und der Kunde auf der Käuferseite. In meiner Beitragsserie schildere ich ausführlich, wieso die Verkäuferseite einen statistischen Vorteil hat. (Die Bank gewinnt immer ;-) )

Depotauszüge

Hier die Bilder der beiden Depotauszüge

Finanzdenken Depotauszug VoBa 2010
Finanzdenken Depotauszug VoBa 2011

Wie bewerte ich aus heutiger Sicht das Investment?

Das Express Zertifikat gibt es heute aufgrund des definierten Enddatums nicht mehr, daher finde ich keinerlei Infos hierzu. Das Kürzel „ESTX 50“ verrät mir aber, dass der Basiswert der EuroSTOXX 50 war. Allein in dem Jahr 2011, von welchem ich Anfangs- und Endwert habe, verlor dieses Zertifikat ganze 25%, während der Index lediglich 17% verlor. Gut möglich dass diese Schutzbarriere schon erreicht wurde und das Geld anschließend deutlich verringert wieder ausgezahlt wurde. Natürlich kommt auch noch eine saftige Depotgebühr von 19€ p.a. oben drauf, so wie es sich für eine Filialbank gehört.

Hier sind in meinen Augen viele Dinge falsch gelaufen. Der Optionshandel wird nicht umsonst als die Königsdisziplin an den Finanzmärkten bezeichnet und dieses Anlagevehikel hat schon einiges damit zu tun. Also vom Grundsatz her, ist dieses Produkt für Laien ungeeignet. Des weiteren gibt es auch andere Basiswerte als den Euro STOXX 50. Wieso wird nicht wenigstens ein viel größerer Index als Grundlage genommen, welcher mehr Diversifikation und daher weniger Volatilität bietet? Der S&P 500 hat beispielsweise in dem Jahr exakt 0% gemacht und wäre rückblickend ideal gewesen.

Nehmen wir mal an, es hätte sich um einen Fonds gehandelt und nicht um ein Express-Zertifikat. Dann wäre der Fonds mittlerweile 12 Jahre im Bestand. Schauen wir auf Renditedreiecke für den Euro STOXX 50, dann hat dieser Index von 2011 bis heute rund 35% zugelegt. Ziehen wir hiervon Ausgabeaufschlag, laufende Kosten sowie die Depotgebühren von ab, dann bleibt nichts mehr von der Rendite übrig.

Selbst der DAX stieg in dieser Zeit um 100% an und der S&P 500 um stolze 206%.

Fazit

Zusammenfassend…

… kann man sagen, dass es ein Unding ist, ein solch kompliziertes und unnötiges Produkt an unwissende Kunden zu verkaufen. Zu der Zeit lag der Leitzins der EZB immerhin bei 1,25% und nach den ganzen Turbulenzen an der Börse, wäre das Tagesgeldkonto oder das Sparbuch ggf. die passendere Wahl gewesen. Zumindest für ahnungslose Kunden mit keinem hohen Risikobewusstsein.

Rückblickend war es aber auch irgendwie die eigene Schuld meiner Eltern. Die meisten Menschen gehen nahezu 1/3 unseres Lebens für das Geld arbeiten und beschäftigen sich so gut wie gar nicht mit den eigenen Finanzen. Das Geld ist der Auslöser für Scheidungen, für Morde und für Kriege. Aber den richtigen Umgang zu erlernen fällt allen schwer. Dabei ist es kinderleicht, wenn man weiß, was man lesen muss. Willkommen auf Finanzdenken.de ;-)

Bleib gesund und munter! Cheerio,

Alex

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